Messi oder Ronaldo? – Welchen Einfluss hat Deine politische Haltung auf Deine kulturellen Vorlieben?
- Philip Blazevic
- 20. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 19 Stunden
„I’m back!“ – so meldete sich Cristiano Ronaldo, der sich mit seinen zwei Treffern zum ältesten WM-Doppelpacker aller Zeiten machte, nach dem 5:0 Erfolg im WM-Gruppenspiel gegen Usbekistan zurück. „Aufatmen“ hieß es für seine Jünger, die bei der wieder aufgekommenen Diskussion um den „GOAT“ des Fußballs ins Schwimmen geraten waren. Dass sein ewiger Kontrahent, Lionel Messi, im weiteren Turnierverlauf womöglich einen Punkt hinter die sportliche Debatte setzen und er selbst nur noch ein weiteres Tor bei dieser WM schießen würde, ahnte der 41-jährige Portugiese noch nicht.
Was bei näherer Betrachtung des Disputs zwischen den Fanlagern auffällt, sind die Analogien zu politischen Debatten, die wir heutzutage als Gesellschaft fast global, vor allem aber in Deutschland führen. Wie und auf welchen Ebenen dabei argumentiert wird, erinnert an Streitgespräche zwischen politisch konservativen und progressiven: Emotionen statt Sachlichkeit und Fakten, verhärtete Fronten, diffamierende Sprache und besonders hervorzuheben: kaum Kompromissbereitschaft. All das haben politische Auseinandersetzungen und die Diskussionen um den besten Fußballer aller Zeiten zunehmend gemeinsam.

Nach persönlicher Erfahrung ist doch ziemlich auffällig, wie groß die Schnittmengen der Wertesysteme zwischen Konservativen und Ronaldo-Fans sowie zwischen Progressiven und Messi-Fans sind.
Tatsächlich wurde zu diesen Zusammenhängen an der NTU aus Singapur empirisch geforscht. Mithilfe einer Umfrage wurde untersucht, inwiefern eine Korrelation zwischen der politischen Gesinnung und der Vorliebe für einen der beiden Weltstars besteht. Befragt wurden mehr als 10.000 Menschen aus 26 Ländern und die Ergebnisse waren verblüffend.
Die Annahme, dass Ronaldo-Fans sich eher politisch rechts verorten und Messi-Fans am gegenüberliegenden Ufer, wurde bei der Umfrage bestätigt.
Teilnehmende wurden allerdings auch zu den Variablen „Empathie“, „Selbstwert“, „Autoritarismus“, „kognitive Reflexion“ und „Kurzvideo-Nachrichtenkonsum“ befragt.
Beide Fanlager sind etwa gleich empathisch. Diejenigen, die mehr mit Messi sympathisieren, zeigten leicht höhere Werte bei der kognitiven Reflexion, während das Pendel bei Fans des Portugiesen in Bezug auf die Variablen „Kurzvideo-Nachrichtenkonsum“, „Autoritarismus“ und „Selbstwert“ in deren Richtung ausschlägt. Der Begriff „Selbstwert“ meint im Kontext der Befragung den expliziten Selbstwert, das bewusste nach außen gezeigte Selbstbild. Als unbewusste, automatische Selbstbewertung bezeichnet man in der Psychologie den impliziten Selbstwert. Dieser ist jedoch nicht gemeint.
Wie plausibel ist das Ergebnis der Umfrage?
Wenn man die beiden Fußballer als Persönlichkeiten gegenüberstellt, sind die Assoziationen relativ klar: Mit Messi verbindet man einen eher ruhigen, in der Öffentlichkeit fast schon unbeholfen wirkenden Menschen und einen teamdienlicheren Spielstil, als dem von Ronaldo. Das ist auch statistisch belegbar, da Messi mehr Vorlagen und Großchancen für seine Mitspieler kreiert. Auch wenn er unfassbar torgefährlich ist – wenn man Messi beim Spielen zusieht, wird klar, dass er viel mehr in den Spielaufbau und frühere Angriffsphasen integriert ist. Ronaldo zeichnen sein absoluter Killerinstinkt, seine Athletik und die Gier nach Toren, nach seinem Moment im Rampenlicht, aus. Es kursieren nicht wenige Clips im Internet, in denen er nahezu frustriert scheint, wenn bei einem Torerfolg seiner Mannschaft nicht er selbst der Torschütze ist. Er ist eine Erscheinung, wie ein griechischer Gott. Ihm sagt man eine unfassbare Arbeitsmoral nach.
Großen Wert legt er auf seine persönlichen Erfolge und trägt diese auch nur allzu gerne nach außen. Man hat das Gefühl, Messi jubelt bei Toren eher für sich bzw. mit seinen Mitspielern, Ronaldo bietet den Fans seinen eigenen inszenierten, ikonischen Jubel. Er besitzt eine eigene Luxusbekleidungslinie und Hotelkette, Messi wirbt wiederum für bspw. Pepsi und Adidas. Auch in der Selbstvermarktung ist der Altstar von Al-Nassr also ego-zentrierter. Über alle Plattformen übergreifend war er der erste Mensch mit über einer Milliarde Follower. Es scheint beinahe so, als würde sein Ego von dieser lauten, globalen Inszenierung zehren. Exemplarisch ist dieses Zitat: „Ist Messi besser als ich? Da bin ich anderer Meinung. Ich möchte nicht bescheiden sein.“ Der Medienhype von „la pulga“ (spanisch für „der Floh“), wie Messi liebevoll genannt wird, bündelt sich überwiegend in Fußballmomenten und Highlights. In Interviews ist der kleine Magier eher zurückhaltender.
All das macht Cristiano Ronaldo insgesamt zugänglicher für die Öffentlichkeit und in den (sozialen) Medien präsenter. Fans mit höherem expliziten Selbstwert und mehr Kurzvideo-Nachrichtenkonsum haben also wenig überraschend mehr Sympathien für den Champions-League-Rekordtorschützen. Der Leiter der Studie, Prof. Saifuddin Ahmed, nimmt ebenfalls Bezug auf den Zusammenhang: „Menschen mit höherem Selbstwertgefühl fühlen sich eher zu jemandem hingezogen, der Exzellenz, Selbstbewusstsein und Leistung verkörpert – Eigenschaften, die sie möglicherweise in sich selbst wiedererkennen.“ - Eigenschaften, die man jedenfalls nicht intuitiv und uneingeschränkt dem politisch linken Spektrum zuordnen würde, was die Leistungsgesellschaft als zentrales konservatives Wertemotiv nahelegt. Dahinter steckt möglicherweise auch der meritokratische Grundgedanke, der klassisch eher mit konservativen Werten assoziiert wird.
Die Wechselbeziehung zwischen politischem Konservatismus und Autoritarismus ist politikpsychologisch gut dokumentiert. Der Psychologe Bob Altemeyer entwickelte dafür bereits in den 80er Jahren die sog. Right-Wing-Authoritarianism-Skala, die seither in zahlreichen Studien mit konservativen politischen Positionen korreliert – wenngleich man dies differenziert betrachten sollte: nicht jeder Autoritäre ist konservativ, nicht jeder Konservative autoritär. Das Ergebnis der NTU-Studie untermauert dennoch den Zusammenhang zwischen Autoritarismus und Konservatismus.
Interessanterweise lässt die Korrelation zwischen der politischen Ideologie und Spieler-Vorliebe mit dem Alter nach. Jüngere Generationen wachsen in einer digital vernetzten Welt auf, in der scheinbar unpolitische Bereiche wie Konsum, Freizeit und eben auch der Fußball zunehmend von politischer Identität durchdrungen werden.
Eine weitere, noch nicht wissenschaftlich untersuchte Erklärung für den schwindenden Effekt der politischen Haltung auf die Vorliebe für einen der beiden Weltstars könnte sein, dass wir wesentlich früher im Leben eine nachhaltig haftende Begeisterung für z.B. Fußballvereine oder -spieler entwickeln, als eine politische Identität. Dies will allerdings klar als Mutmaßung gekennzeichnet sein.
Zur Einordnung, wie stark die Tendenzen in den gemessenen Variablen sich auf die Fan-Präferenz auswirken, sei erwähnt: Zwar sind die Zusammenhänge statistisch zuverlässig nachweisbar, erklären aber nur einen kleinen Bruchteil der Unterschiede zwischen den Fans. Die meisten Gründe, warum jemand Ronaldo oder Messi bevorzugt, bleiben individuell unerforscht.
Schlussendlich darf nicht außer Acht gelassen werden, dass bei der Einordnung der Umfrage nicht die Kausalität mit der Korrelation verwechselt werden sollte. Nur weil plausible Zusammenhänge zwischen den Fanlagern und deren Umfragewerten bestehen, heißt das nicht, dass dies irgendetwas über die Fans selbst beweist. Auch die Forscher selbst mahnen zur Vorsicht. Das Ergebnis der Umfrage stelle kein Urteil über individuelle Vorlieben der Fans dar oder suggeriere, die Politik bestimme auf mechanische, zwangsläufige Weise die Fußballpräferenzen. Prof. Saifuddin Ahmed meint, die Forschungen „bieten einen Ausgangspunkt, um zu untersuchen, wie politische Identität zunehmend mit Popkultur und alltäglichen Entscheidungen in verschiedenen Gesellschaften verknüpft sein könnte.“
Noch hat die Studie den sogenannten Peer-Review – die unabhängige Prüfung durch Wissenschaftler:innen vor der Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift – nicht durchlaufen. Das ist keine automatische Schwäche, aber ein Grund, die Ergebnisse mit der gebotenen Vorsicht zu behandeln.
Die Korrelation zwischen politischer Identität und Fankultur könnte demnach künftig eher zu- als abnehmen, sollte sich der Trend der jüngeren Generationen fortsetzen.
Messi und Ronaldo sind weltweit für den gesamten Fußballkosmos und auch darüber hinaus prägende Figuren. Sie haben vielen Fußballfans Erinnerungen beschert, die für immer bleiben werden, und haben im Fußball neue Maßstäbe gesetzt. Es ist beinahe unfair, dass sich die Stars der nächsten Generation - Kylian Mbappé, Erling Haaland oder Lamine Yamal - an diesen messen und von rekordverwöhnten Fans bewerten lassen müssen.
Beim Schwelgen in Erinnerungen an diese glorreichen Momente und bei der Auseinandersetzung mit der durchaus sehr aktuellen Thematik lässt sich eins festhalten:
Sport ist Emotion, Politik wird es immer mehr.
Literatur
Quelle 1:
Quelle 2:



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