Vorbericht: VfL Bochum - Hertha BSC
- Philip Blazevic
- 20. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Fußballromantiker, horcht auf! Flutlicht, das Ruhrstadion ist ausverkauft.
Alles ist angerichtet für den ersten Spieltag der Zweitligasaison 2026/27. Es geht los mit einem Kracher, einem Duell zweier Traditionsklubs: der VfL Bochum empfängt Hertha BSC.
Die Luft knistert, die Anhänger beider Klubs, darunter 2.700 Herthafans, pilgern zur Castroper Straße ins Herz der Stadt und freuen sich darauf, wenn kurz vor dem Spiel Herbert Grönemeyers Liebeserklärung an seinen Heimatort angestimmt wird. Emotionen sind garantiert, wenn sich am Freitagabend - „tief im Westen“ – 26.000 Menschen zusammenfinden, um deutsche Fußballkultur zu zelebrieren. Das Gänsehaut-Abonnement vor dem Anpfiff läuft nun schon seit 30 Jahren. So lange ist „Bochum“ schon die Vereinshymne des gleichnamigen Vereins.
Seinerzeit feierten die Bochumer 1996 den Aufstieg ins Oberhaus des deutschen Fußballs. Ein Jahr später erreichten sie mit einem sensationellen Platz Fünf den UEFA-Cup, wo man bis ins Achtelfinale kam.

Ob man auf dem Ruhrpott heute von einem ähnlichen Lauf träumen kann?
In Berlin jedenfalls nicht – zumindest wenn man Herthas Geschäftsführer Dr. Peter Görlich fragt. Ein einstelliger Tabellenplatz mit maximaler Ambition nach vorne sei das Saisonziel. Auch Cheftrainer Stefan Leitl wurde bei der Pressekonferenz vor dem Spiel nach seiner Anspruchshaltung gefragt: „Wir als Sportler haben immer die Ambition, Spiele zu gewinnen. […] Wenn es dann der einstellige Tabellenplatz ist, haben wir unser besagtes Ziel erreicht“
Wenn man diese Zitate hört, kommt man schnell zu dem Schluss, dass die vergangene Saison eine sehr erdende Erfahrung für den stolzen Hauptstadtklub gewesen sein muss. Damals hatte man noch den Aufstieg als klares Ziel deklariert.
Auch die Bochumer taten sich in der letzten Saison nach dem Abstieg schwer. Kaum jemand hätte gedacht, dass Dieter Hecking am leidtragenden Ende der ersten Trainerentlassung in der zweiten Bundesliga stehen würde. Uwe Rösler übernahm und holte die Kuh vom Eis.
Er wurde im Vorfeld des Spiels ebenfalls zum Saisonziel des VfL befragt, sprach allerdings von „Etappenzielen“: bis zur ersten Länderspielpause (sechs Spiele) ist die Vorgabe, mindestens zehn Punkte und ein Weiterkommen im Pokal zu erzielen. Nach der Hinrunde möchte man mit Perspektive, „vielleicht oben mit anzugreifen“, einen einstelligen Tabellenplatz erreichen. Demnach werden auch im Ruhrpott kleine Brötchen gebacken. Das Wort „Aufstieg“ wagt keiner, in den Mund zu nehmen.
Exemplarisch für die Ausgangslagen und folglich die Herangehensweisen beider Klubs sind die bisherigen Transferbewegungen. Beide Klubs befinden sich in einem großen Kaderumbruch. Bei Bochum sind jeweils auf der Zu- sowie der Abgangsseite
über 10 Transfers zu verbuchen. Mit Breakout-Star Lenz, Masovic, Onyeka, Alfa-Ruprecht, Wätjen und Bero befinden sich unter den Abgängen wichtige Leistungsträger der vergangenen Spielzeit. Die Akteure Cokaj, Mbom, Rasmussen, Karademir, Taz und Crimaldi, der aus der eigenen Jugend kommt und schon spät in der letzten Saison sein Profidebut feierte, sollen die Abgänge kompensieren.
Die Hertha traf es noch schlimmer. Sie hat Ihre wichtigsten Spieler verloren. Reese, Eichhorn, Cuisance, Ernst, Leistner, Dudziak, Kowancki und Karbownik haben letzte Saison 53% der direkten Torbeteiligungen beigesteuert und 44% der insgesamt absolvierten Spielminuten auf dem Platz gestanden. Hinzu kommt das Führungsvakuum, was durch die Abgänge entsteht.
Trotz der über 25 Mio. Euro Mehreinnahmen ist mit dem 21-jährigen Adewumi (Leihe aus Burnley) bisher nur ein externer Neuzugang zu verzeichnen. Ein Indiz dafür, dass der Verein mit dem Erfüllen der DFL-Auflagen große Schwierigkeiten hat. Und das, obwohl in den Jahren zuvor konstant hohe Transferüberschüsse erzielt werden konnten.
Bei der Berliner Hertha ist somit bislang mehr von einem Bruch, als Umbruch, die Rede. Aber: die alte Dame bekommt junges Blut. Gleich sieben Talente aus den U-Mannschaften rücken in den Profikader auf. Von ihnen sollte der zentrale Mittelfeldspieler Soufian Gouram einem Startelfeinsatz am nächsten sein. In der Vorbereitung glänzte der 20-jährige mit 2 sehenswerten Toren, gutem Freilaufverhalten und einer sauberen Ballbehandlung.
Mögliche Startaufstellung von Hertha BSC (4-2-3-1)
Tor: Gersbeck
Abwehr: Eitschberger, Gechter, Kolbe, Zeefuik
Mittelfeld: Winkler, Seguin, Sessa, Gouram, Brekalo
Angriff: Schuler
Mögliche Startaufstellung vom VfL Bochum (4-2-3-1)
Tor: Horn
Abwehr: Olsen, Steinweder, Karademir, Wittek
Mittelfeld: Miyoshi, Mbom, Cokaj, Taz, Crimaldi
Angriff: Hofmann
Es ist schwer vorherzusehen, gerade weil es das erste Saisonspiel ist, was für einen Lauf die Partie nehmen wird. Möglicherweise wird die Mannschaft von Stefan Leitl den Bochumern vor den eigenen Fans das Zepter überlassen. Mit einem Sieg, so
Leitl, hätte man schon für die erste Überraschung gesorgt. Eine demütige Aussage, die nicht besonders offensiv klingt. Die Zahlen der letzten Saison lassen die Vermutung zu. Die Hertha hatte im Durschnitt unter 50% Ballbesitz und ligaweit die zweitmeisten Abseitsstellungen, was auf eine hohe Abwehrkette der Gegner hinweist und dementsprechend eine tief stehende Hertha. Dennoch hat man in der Liga die drittmeisten Gegentore kassiert.
Die Bochumer ihrerseits zeichneten sich ebenfalls durch ihr Umschaltspiel aus. Im Ballbesitz belegten sie Platz 17 und in ihrer durchschnittlichen Anlaufhöhe Platz 16. Herausragend gut waren ihre Zweikampfwerte (Platz 3). Die Identität der Mannschaft war also klar: tief stehen, wenig zulassen und dem Gegner mit Intensität und Physis zusetzen.
Das erste Tor zu schießen, könnte heute Abend also entscheidend sein, da sich beide Mannschaften bisher im Herausspielen von Torchancen gegen einen tiefen Block schwertaten. Möglich, dass gerade deshalb beide Mannschaften die Fehlervermeidung priorisieren, doch wir können uns ziemlich sicher sein: es wird ein emotionales, physisches Spiel – vielleicht nichts für Fußball-Feinschmecker – aber intensiv.



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