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Störung statt Protest – was politischer Aktivismus von der aktiven Fanszene im Fußball lernen kann 

  • Philip Blazevic
  • vor 19 Stunden
  • 8 Min. Lesezeit

Beim Zweitligaspiel am 03.02.2024 empfing Hertha BSC den Hamburger Sportverein im Berliner Olympiastadion bei eisigem Wetter. Mehr als 55.000 Zuschauer wollten das Spiel trotz der bitteren Kälte live vor Ort sehen. Ab der 26. Spielminute wurde das Spiel plötzlich für zwei Minuten unterbrochen, da aus dem Gästeblock Tennisbälle aufs Spielfeld geworfen wurden. Die aktive Fanszene schloss sich damit Protesten aus etlichen Profispielen zuvor an. Etwas später, in der 53. Spielminute, wurde das Spiel dann noch einmal von Tennisbällen unterbrochen, die aus der Berliner Ostkurve geflogen kamen. Fragende Gesichter und Unmut machten sich im Stadion und vor den Fernsehern breit. Spieler und Klub-Verantwortliche traten in den Dialog mit den protestierenden Fans und versuchten, sie zu beschwichtigen. Eine halbe Stunde lang warfen die Herthafans immer wieder Tennisbälle auf das Spielfeld. Das Spiel drohte, abgebrochen zu werden. 

Doch wogegen richteten sich die Aktionen? 


Im Dezember des Vorjahres hatten 36 Erst- und Zweitligisten für eine strategische Partnerschaft mit einem externen Investor gestimmt. Dieser sollte eine Milliarde Euro investieren und dafür prozentual an den TV-Einnahmen beteiligt werden. Als übriger Bieter galt zu dem Zeitpunkt nur CVC Capital Partners, eine Beteiligungsgesellschaft, die zu den zehn größten der Welt gehört. Einer der Geldgeber von CVC ist der saudi-arabische Staatsfonds PIF. Mit einer Zusammenarbeit hätte damit der Golfstaat, der wegen Verletzungen der Menschenrechte in der Kritik steht, Einfluss auf den deutschen Fußball gehabt. Schon seit einigen Jahren ist CVC in der französischen und spanischen Liga involviert. Vor allem in den spanischen Spielbetrieb konnte so beeinflusst werden, dass mittlerweile sogar Pokalspiele in Saudi-Arabien stattfinden, was für die deutsche Fanszene ein absolutes No-Go wäre. 



Die Herkunft des Geldes sprach sowieso als Kritikpunkt für sich. Hinzu kam aber ein handfester Legitimationsskandal: Eine der 24 Ja-Stimmen kam vom damaligen Geschäftsführer und Vertreter von Hannover 96, Martin Kind. Obwohl Berichten zufolge vereinsintern beschlossen wurde, gegen den Investoreneinstieg zu stimmen, handelte Martin Kind dem zuwider. Hätte er, wie vereinbart, mit „Nein“ gestimmt, wäre die Abstimmung im Sinne der breiten Masse deutscher Fußballfans ausgefallen. 

Trotz Versicherung seitens der DFL, der Investor solle keinen Einfluss auf den sportlichen Wettbewerb, Anstoßzeiten, Spielorte oder die 50+1-Regel haben, befürchteten die Fans außerdem, dass das Private-Equity-Unternehmen durch seine schiere Größe auch informellen Einfluss hätte ausüben können, der über vertragliche Vereinbarungen hinausreicht. 


Die Störung war bis dato so beispiellos, wie effektiv, und sollte zur Folge haben, dass CVC am 21.02.2024 von den Verhandlungen zurücktrat - ein empirischer Beleg dafür, dass Störungen und Proteste nicht nur symbolisch sein, sondern ein konkretes, messbares Ergebnis haben können. 


Die deutsche Bevölkerung – unzufrieden, aber untätig 

83% der Deutschen sind unzufrieden mit der Bundesregierung (Ipsos, Juli 2026). Sie werden von ihrem Kanzler sinngemäß als faul bezeichnet, während sich das Arbeitsvolumen in Deutschland auf einem historischen Höchststand befindet. Statt das Verteilungsproblem anzugehen, möchte die Bundesregierung nun die Wirtschaft auf Kosten der Unter- und Mittelschicht ankurbeln und gibt ihnen die Schuld an dem Versagen der Politik. Infolgedessen wurde im Juli dieses Jahres das 34 Punkte umfassende Reformpaket angekündigt. 


Berechtigt ist die Sorge, die Bundesrepublik würde durch das Reformpaket zunehmend unsozialer und undemokratischer. Argumente dafür liefern die drei folgenden Beispiele: 


1. Die Krankschreibung ab dem ersten Tag 

Um den hohen Krankheitsständen entgegenzuwirken, soll man künftig ab dem ersten Krankheitstag eine Krankschreibung vorweisen. Zudem sollen telefonische Krankschreibungen untersagt werden. Das ohnehin schon überlastete Gesundheitssystem würde also noch viel mehr leisten müssen. Man setzt auf Symptombehandlung, statt die Ursache hinter den hohen Krankheitsständen anzugehen. 


2. Sachgrundlose Befristungen 

Die Neuerungen sehen nicht nur vor, dass die Maximaldauer einer befristeten Anstellung von zwei auf vier Jahre erhöht wird, sondern auch eine Lockerung des Vorbeschäftigungsverbots. Dadurch könnte praktisch ein befristeter Arbeitsvertrag auf den nächsten folgen. Das Machtverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer würde dadurch stark beeinträchtigt. 


3. Informationsfreiheitsgesetz (IfG) 

Das IfG soll die Arbeit des Staates transparent machen. Es ermöglicht jeder Person - ohne Angabe von Gründen - Informationen und Akten von Bundesbehörden einzusehen. Skandale, wie die Masken-Affäre, konnten durch Anfragen über Plattformen wie „FragdenStaat“ an die Öffentlichkeit gebracht werden. Mit der Reform fiele der Gebührendeckel für solche Anfragen weg, wodurch die Kosten mehrere tausend Euro betrügen. Zudem müsste man dabei in Zukunft ein „berechtigtes“ Interesse nachweisen. Verbände und Organisationen würden keine Sammelanfragen mehr stellen können und das Auskunftsrecht auf „natürliche Personen“ fokussiert werden. 


Der Abbau des Sozialstaats und dessen demokratischer Strukturen wird also weiter vorangetrieben. Die Empörung darüber ist groß, doch der Protest nicht groß genug, um die Politik in ihrem Handeln zu beeinflussen. Er ist fragmentiert, uneinig, ohne scharfes Druckmittel oder synchronen Moment und eher regional als national. All das erschwert es, Druck auf die Regierung auszuüben und all das war es, was es den Fußballfans in Deutschland ermöglicht hat, den Investoreneinstieg zu verhindern. 


Warum organisierter Aktivismus heute schwerer ist 

Was sich stattdessen beobachten lässt, ist das Voranschreiten der Spaltung innerhalb der Bevölkerung. Wut, Verzweiflung und das Gefühl von Machtlosigkeit treiben die Menschen immer weiter in politische Extreme. 


Das liegt zu einem großen Teil an den Algorithmen der sozialen Plattformen, die wir nutzen. Sie sind auf Verweildauer und Interaktion (Likes, Kommentare, Shares) ausgerichtet, nicht auf Wahrheitsgehalt oder gesellschaftlichen Konsens. Neutrale Inhalte verbreiten sich dadurch nicht so leicht, wie empörende Beiträge, die stärkere emotionale Reaktionen auslösen. Zwar verändert sich laut einer Stanford-Studie dadurch nicht die politische Überzeugung, doch die emotionale Distanz zu Andersgesinnten wächst – Gift für kollektives Handeln über Lagergrenzen hinweg. 


Diese Dynamik wirkt wie ein Gegenentwurf zur Fankurve. Während man in seinem Social-Media-Feed in seine eigene Blase abdriftet, erleben Fans im Stadion häufig dieselbe Emotion. Entscheidend ist dabei, dass die Emotion meistens in eine gemeinsame Richtung geht. 


Anders als bei dem Phänomen, welches Robert Putnam in seinem Werk „Bowling Alone“ beschreibt: Ihm fällt die zunehmend individuelle Lebensgestaltung der Menschen auf. Vereins-, Partei- oder Kirchenmitgliedschaften sind seit Jahrzehnten rückläufig. Ein gravierendes Beispiel sind die Gewerkschaften. 1980 waren noch rund 32,5% der Deutschen in Gewerkschaften involviert, 2024 sind es nur noch knapp die Hälfte. Noch alarmierender sind die Zahlen der unter 30-Jährigen: von diesen sind nur etwa 12% Teil einer Gewerkschaft, obwohl sie die Bevölkerungsgruppe sind, die am meisten von bspw. den neuen Befristungsregeln betroffen wäre, da diese für ab 2030 geschlossene Arbeitsverträge gelten sollen. 


Gemeinschaftliche Organisationen dienen nicht nur der Vertretung von Interessen, sondern sind gleichzeitig auch ein Übungsfeld für kollektives Handeln. Man lernt dort, wie man sich koordiniert, Kompromisse aushandelt oder Sprecher wählt. All diese basisdemokratischen und selbstorganisierenden Fähigkeiten haben in vielen Fangruppierungen noch Bestand. 


Wann Störung zu Empörung führt 

Ziviler Ungehorsam braucht Fingerspitzengefühl – oder gesellschaftlichen Rückhalt. Das zeigen auch die Proteste der deutschen Landwirtinnen und Landwirte im Jahr 2024. Sie fuhren auf die Straßen und blockierten wochenlang Autobahnauffahrten und Innenstädte, weil die Streichung von Agrardiesel-Subvention und Kfz- Steuerbefreiung geplant war. Die Bundesregierung ruderte daraufhin zurück, sodass die Kfz-Steuerbefreiung erhalten blieb und die Agrardiesel-Subvention nur schrittweise, statt sofort abgeschafft wurde. 

Störung wirkt aber nur dann positiv, wenn sie Teil einer Bewegung ist, die auch moderatere Stimmen umfasst. Der „Radical-Flank-Effect“, den u.a. Herbert Haines erforscht hat, beschreibt, welchen Effekt eine radikale Bewegung auf moderatere Gruppen mit ähnlichen politischen Motiven haben kann. Darunter zählen auch positive Effekte: Durch die Verschiebung von Toleranzgrenzen wirken die gemäßigteren Anhänger der politischen Position meist „vernünftiger“. Das erleichtert den Dialog zwischen Menschen mit anderen Ansichten. Außerdem kann radikaler Aktivismus dazu führen, dass die politische Instanz den Moderaten Zugeständnisse macht.


Wie sich eine Bewegung selbst sabotieren kann, statt mehr Menschen von ihren Zielen zu überzeugen, zeigten die sog. „Klimakleber“ der „Letzten Generation“ (später umbenannt in „Neue Generation“). Sie klebten sich auf Straßen und Autobahnen fest und blockierten sogar Flughäfen. Ihre Kernforderungen waren ein Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen, ein dauerhaft günstiges ÖPNV-Ticket und die Einführung eines „Gesellschaftsrates“ für Klimapolitik. Auch wenn die Forderungen an sich konkret und zum Teil mehrheitsfähig waren, so betrafen die Protestaktionen häufig die einfache Bevölkerung. Dies hatte zur Folge, dass die Bewegung sich und alle moderateren Gruppen, die auch für Klimaschutz standen, zum leichten Opfer für die Presse machte und so in Verruf geriet. 


Diese Dynamik stellt einen negativen Radical-Flank-Effect dar. Wie am Beispiel der „Klimakleber“ zu sehen ist, kann die politische Gegenseite die radikale Flanke ausnutzen, um die gesamte Bewegung zu diskreditieren: Die allgemeine Zustimmung zur Klima- und Umweltbewegung sank laut einer Umfrage („More in Common“, 2023) von 68% (2021) auf nur noch 34% (2023). Die Betroffenen der Blockaden waren meist nicht die Verursacher des adressierten Missstands, sondern Verkehrsteilnehmer:innen oder gar Rettungswagen. Laut einer Civey-Umfrage (2022) befanden 86% der Befragten, dass die Aktionen dem Anliegen Klimaschutz schadeten. Nur 40% der Grünen-Wählerschaft stimmten den Blockaden zu. 


Was die Bevölkerung braucht, ist Zielwasser 

Bloßes Demonstrieren sorgt für mehr Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit. Störungen wirken jedoch stärker beim direkten Adressaten. 

Effektiver Protest benötigt einzelne, klar beantwortbare Forderungen. „Occupy Wall Street“ (2011) war eine Bewegung, die weltweit Millionen von Unterstützern und Teilnehmern hatte. Sie äußerte eine offene Misstrauenserklärung gegenüber dem internationalen Finanz- und Wirtschaftssystem sowie den Regierungen, die dieses trugen und das Wachstum der sozialen Ungleichheit nicht eingedämmt haben. Der Slogan „We are the 99%!“ (Anspielung auf die reichsten 1%) fasst gut zusammen, dass die Bewegung das Potenzial hatte, unglaublich viele Menschen zu überzeugen. Weshalb sie keine institutionellen Veränderungen bewirken konnte, lag wohl am 

Mangel konkreter Einzelforderungen. Es wurde eher der Wut der breiten Weltbevölkerung Luft gemacht, was den Nerv der handelnden Politiker nicht traf. 


Was politischen Aktivismus außerdem zum Erfolg verhilft, ist eine Vorab-Legitimation durch die Gesellschaft. Exemplarisch dafür sind die vorhin angeführten Proteste der Landwirtinnen und Landwirte, die von der Gesellschaft traditionell ein hohes Grundvertrauen genießen als „die, die uns ernähren“. Zudem hatte die Berufsgruppe durch ihre Systemrelevanz eine wirtschaftliche Verhandlungsmacht. Obwohl, genauso wie bei den „Klimaklebern“, die gleiche Art der Störung als Druckmittel genutzt wurde, standen die Traktorfahrenden in der medialen Gunst. 


Die dritte, entscheidende Dimension ist die Adressierung des Anliegens. Wenn ziviler Ungehorsam diejenigen direkt trifft, die die politischen Forderungen tatsächlich erfüllen können, entsteht für selbige am ehesten Handlungsdruck. In Kombination mit den anderen zwei Faktoren können politische Aktivisten eine wuchtige Dynamik entwickeln, die Veränderungen bewirkt. 


In Einigkeit für Recht und Freiheit brachten entschlossene Proteste 1989 die Mauer zu Fall. Ein exemplarisches Beispiel für die Erfüllung all dieser drei beschriebenen Dimensionen. Die schiere Masse an Menschen, die vereint konkrete Forderungen stellte, zwang damals die Machthaber in die Knie. 


Wer nicht hören will, muss fühlen 

Gemeinsame Ziele, Zusammenarbeit sowie über Fanclubs und Vereinslager hinausgehende demokratische Selbstorganisation sind Elemente, die den deutschen Fußball und seine Integrität im Vergleich zu den anderen Top-Ligen einzigartig machen. Das „Produkt“ lebt von den Fans. Ohne Fans ist der kommerzialisierte Fußball ein Minusgeschäft – eine metaphorische Parallele zum deutschen Staat und dem globalen Wirtschaftssystem. Die arbeitende Mittel- und Unterschicht wäre gut beraten, die Solidarinfrastruktur wieder aufleben zu lassen, indem sie bspw. Vereinsstrukturen und Gewerkschaften nutzt, um kollektives Handeln wieder zu erlernen. 


Gemeinsame Gegner auszumachen, statt sich von politischen Agenden und Social-Media-Algorithmen vermeintliche Bedrohungen und Feindbilder einreden zu lassen, ist für das Streben nach sozialer Gerechtigkeit essenziell. Mit der sog. „Flüchtlingskrise“ erntet der deutsche Staat nur, was neokolonialistische Politik gesät hat. Dennoch dient sie als Keil, der medial zwischen die politischen Lager getrieben wird. Politische Lager, die eines gemeinsam haben: Sie haben kein Vertrauen in den Staat, faire und nachhaltige Strukturen für die Zukunft zu schaffen. 


Sogar verfeindete Fangruppen haben begriffen, dass sie nur gemeinsam den Fußball als das Spiel, das niemandem gehören sollte, vor seiner kompletten Ausbeutung bewahren können. Welche Instanz an der voranschreitenden Kommerzialisierung des Fußball Interesse hat, ist in dieser Angelegenheit völlig klar, wodurch der Adressat DFL oder DFB relativ leicht auszumachen ist - ganz im Gegensatz zum so umfangreichen Gesamtsystem wie der Staat als politische Institution in Kombination mit gesellschaftlichen Dynamiken. Ein paar der angeführten Faktoren können von der organisierten Fanszene dennoch auch auf größere Maßstäbe übertragen werden.


Literatur

Quelle 1:

Quelle 2:


 
 
 

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